Die Bauersleute Rosine und Gottlieb Bauhof


Der Begründer der Bruderhaus Diakonie in Reutlingen, Gustav Werner, wäre am 12. März 2009 200 Jahre alt geworden.

Aus diesem Anlass hat der Urenkel von Rosine und Gottlieb Bauhof (Gerhard Bauhof) im Gemeindebrief der Evangelischen Kirchengemeinde Oberensingen die eng mit Gustav Werner verbundene Geschichte seiner Urgroßeltern erzählt.

Die Gustav-Werner-Anstalt in Oberensingen 1847-1877 (1885)

Rosine Gras aus Großbettlingen war Magd im Pfarrhaus in Großbettlingen. Sie war von den Anfängen an (ca. 1840) eine enge Anhängerin Gustav-Werners und ging sonntags von Großbettlingen nach Reutlingen um dort im Helferkreis Werners Dienst zu tun.
1847 heiratete Rosine (Rösle) Gras in Oberensingen Gottlieb Bauhof und wurde Stiefmutter von 4 Kindern im Alter von 2-7 Jahren. Noch im selben Jahr begannen die Bauhofs fremde Kinder zur Tagespflege in ihrem Haus aufzunehmen. (Haus "Im Wiesengrund 6", das Haus wurde 2002 abgebrochen)
Mitte des 19. Jahrhunderts herrschte in unserem Land eine große Armut. Viel Regen und Überschwemmungen brachten einige Jahre nacheinander katastrophale Mißernten.
In Oberensingen kam eine weitere Armutsquelle noch hinzu. Weil Landbau durch unsere topographische Lage nur in begrenztem Umfang möglich ist, mußten viele Bürger ihren Broterwerb durch Steinbearbeitung verdienen. Durch Steinstaub erkrankten viele bereits in jungen Jahren an "Staublunge" und starben. Sie hinterließen oft Familie mit mehreren unmündigen Kindern. Damit solche Mütter z.Bsp. durch Annahme einer Putzstelle etwas verdienen konnten, wurden zunächst Halbwaisen bei den Bauhofs aufgenommen.
Die erste Zweiganstalt von Gustav Werner auf privater Basis war gegründet
.
Im Friedensboten 1853 (eine Hausschrift Gustav Werners) steht von Oberensingen unter anderem: "Auch eine Kleinkinderschule wurde gegründet da die Einwohner meist auswärts ihren Verdienst suchen und so die Kinder oft ohne alle Aufsicht lassen mußten. Die Frau Bauhofs gründete einen Verein von Frauen die sich jeden Mittwoch in ihrem Haus versammeln und für arme Kinder Kleidungsstücke verfertigen. Frauen von Nürtingen liefern hierfür Zeug und abgelegte Kleider." Im Jahre 1860 sollen es bereits 20 Erwachsene und 34 Kinder sein die in Bauhofs Haus regelmäßig ein- und ausgingen. Das Haus war überbelegt.

Im Wiesengrund 6 begann Familie Bauhof 1847 mit der Betreuung von Kindern
(2002 wurde das Haus abgebrochen)
Das Hintere Schloß, erworben 1861 diente als Anstalt, 1885 wurde es wieder verkauft Links das im Volksmund immer noch als "Anstalt" bekannte, 1877 erworbene Haus, rechts das Pfarrhaus
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1861 wurde überraschend das hintere Schlößchen (später Kornbeck-Schlößchen genannt) preisgünstig zum Verkauf angeboten. Bauhof verkaufte sein Haus und etlichen Grundbesitz und kaufte am 29.1.1861 als Bevollmächtigter Gustav Werners das hintere Schlößchen samt Nebengebäuden, Gärten, Wiesen und Fischwasser. Gustav Werner war nun Besitzer der Anstalt.
In kurzer Zeit entstand ein Haus für 80 Zöglinge die größtenteils in die Tagesschule gingen. Aus Briefen Gustav Werners geht auch hervor, daß Jugendliche, die in anderen Heimen nicht zurechtkamen, nach Oberensingen vermittelt wurden. Die ganzen Kosten für die Gustav-Werner-Anstalt wurde von den Anfängen an von Spenden und freiwilligen Dienstleistungen getragen. Gustav Werner versuchte als Reiseprediger mit seinen Vorträgen viele Leute im Lande zu erreichen und sie um Unterstützung zu bitten.
In einem Brief von ihm an die Bauhofs ist z.Bsp. zu lesen: "Ich werde nächsten Dienstagabend 7 1/2 Uhr nach Nürtingen kommen und dann bei Euch übernachten. Gottlieb sollte mich den anderen Morgen bis 3 1/2 Uhr nach Eßlingen fahren; ich gehe nach Frankfurt und hoffe Euch Geld mitbringen zu können; diesmal weiß ich kaum das Reisegeld aufzutreiben, wir kommen aus der Armuth nicht hinaus. - Vielleicht könnte diesmal in Nürtingen um 8 Uhr ein Vortrag gehalten werden; ich werde jedenfalls vorher Herrn Rektor besuchen..."
Aus diesen Zeilen ist ersichtlich mit welch persönlichem Einsatz Gustav Werner um das Bestehen der Anstalt kämpfte. Ab 1863 begann eine Finanzkrise für das ganze Unternehmen und brachte es an den Rand der Auflösung. Das Unternehmen "Bruderhaus" mußte sich gesundschrumpfen. So wurde auch Oberensingen davon betroffen. Ein genaues Ende der Zweiganstalt Oberensingen ist nirgends festgehalten. 1877 kauften die Bauhofs zur privaten Nutzung das Anwesen der kurz zuvor aufgelösten Kinderrettungsanstalt des Oberamts Nürtingen (Oberensingen, Stuttgarter Str. 101) Verschiedene Hinweise lassen vermuten, daß ab 1877 der Anstaltsbetrieb stark reduziert wurde und spätestens der Tod von Rösle Bauhof im Jahr 1885 das Ende der Zweiganstalt in Oberensingen war. Noch im gleichen Jahr kam das hintere Schlößchen durch Verkauf in fremden Besitz.

Anmerkung:
Die Nürtinger Zeitung schrieb zum 150 Geburtstag von Gustav Werner (genaues Datum nicht bekannt):
Die Oberensinger Anstalt hat einmal als eine der schönsten im Bruderhaus gegolten. Ihre Geschichte ist in mehr als einer Hinsicht interessant, als Gründung schlichter Oberensinger Bauersleute, in denen Gustav Werner das Feuer einer entscheidenden Tat christlicher Liebestätigkeit entfacht hat, als Anstalt, deren äußere Beziehungen zum Bruderhaus binnen weniger Jahre eigentümliche Wandlungen durchgemacht haben, als ein Beispiel dafür, daß eine Anstalt praktisch gar keine rechtliche Bindung an das Bruderhaus zu haben brauchte und trotzdem eine Bruderhausanstalt sein konnte. Sie zeigt in besonders eindringlicher Weise, welche Kräfte und Mittel Vater Werner für seine Idee und sein Werk in Bewegung zu setzen vermochte. Gottlieb Bauhof und seine Frau gehören zu den opferfreudigsten und erfolgreichsten seiner alten Mitarbeiter.






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Stand
01. 07. 2021
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